Neun Thesen zur Zukunft des Journalismus

Meine Nachbetrachtung zum Kongress „Journalism reloaded“, Leipzig School of Media, 4./5. Juli 2011

 

Als ich am späten Dienstagabend mit dem Zug von Leipzig nach Hause fuhr und wir in Eisenach hielten, musste ich an Junker Jörg denken. Vor ein paar Wochen erst waren wir auf der Wartburg und haben uns natürlich auch Luthers Stube angeschaut. Luther hat ja bekanntlich seine ganz eigenen Erfahrungen mit Thesen gemacht. Kurzform: Thesen zu formulieren, provokante zumal, und sie zum Beispiel an Kirchentüren zu nageln, macht das eigene Leben nicht unbedingt einfacher, aber es treibt immerhin die Entwicklung des großen Ganzen voran.

Dass ich an Luthers Thesen denken musste, lag natürlich auch daran, dass ich an den beiden Tagen zuvor mindestens 95 andere Thesen ins Hirn genagelt bekam – so wie die rund 60 weiteren Teilnehmer des Medienkongresses „Journalism reloaded“ an der Leipzig School of Media auch. Eine sympathische Veranstaltung, organisiert von den netten und engagierten Menschen, die in dieser privaten Bildungseinrichtung an der Zukunft des Journalismus forschen beziehungsweise modern klingende Dinge wie „Crossmedia Publishing“ oder „New Media Journalismus“ lernen oder lehren. Direktor Michael Geffken gab zwei Tage lang den eloquenten Moderator des Kongresses, der zweigeteilt aus Expertenkolloquium und Workshops bestand. Geffken und seinen Mitstreitern war es nicht nur gelungen, eine interessante Mixtur aus Gästen aus der deutschen Medienbranche (vom Freien bis zum Chefredakteur, vom Journalistenausbilder bis zum Werbeprofi) nach Leipzig zu locken und im architekturpreisgewürdigten Institutsgebäude auf angenehme Weise zusammenzubringen. Die Truppe schaffte es sogar meistens, den ehrgeizigen Zeitplan einzuhalten. Und das obwohl Medienschaffende eben so verquatscht sind, wie sie es eben sind.

Thesen jedenfalls werden selbstverständlich nicht mehr genagelt sondern ppt-projiziert, und wer keine Thesen hat, macht sich offenbar keine zwingenden Gedanken. In diesem Sinne ist die wichtigste Botschaft von „Journalism reloaded“ (für das sich selbstverständlich mit #jr11 noch vor dem Start ein Hashtag bei Twitter etabliert hatte) eine beruhigende: Die Branche macht sich Gedanken, erfreulich viele und erstaunlich konstruktive. Bei #jr11 jedenfalls war die Abwesenheit von medialen Beharrungstendenzen, über die sich zum Beispiel Christian Jakubetz in seinen (sic!) Thesen so gern zu Recht lustig macht, die Grundlage für einen bemerkenswert zukunftsweisenden Dialog.

Dass sich also das Internet wohl doch durchsetzen wird, dass wir Zeitungsleute wahrscheinlich sogar das Ende des Geschäftsprinzips „Wir drucken Nachrichten von gestern Abend auf Papier“ noch erleben werden, stellte hier zumindest keiner mehr ernsthaft infrage. So weit, so schlecht.

Was aber nun?

Dazu ein paar Thesen.

1.       Wir leben im Chaos

Viele Gewissheiten sind dahin, und das unwiederbringlich. Vor allem die Gewissheit, dass wir Journalisten bestimmen, was unsere Konsumenten wann in welchem Umfang vorgesetzt bekommen. „Wer noch daran glaubt, geht unter“, sagte Christian Hoffmeister von Bulletproof Media. Mediennutzung hat sich durch das Internet demokratisiert, vor allem aber „versozialisiert“. Das soll bedeuten, dass mediale Kommunikation nicht mehr „einbahnstraßig“ (Prof. Michael Haller) funktioniert, sondern sich vielfältigst vernetzt. Und die Knotenpunkte dieser Netze sind nicht mehr nur wir, ganz oft sind wir es gar nicht mehr, sondern soziale Netzwerke. Was wichtig und relevant ist, definieren für immer mehr vor allem jüngere Menschen nicht mehr Blattmacher, sondern der Freundeskreis, der Themen und Nachrichten hypt und bewertet. Wir Newsmacher liefern zwar immer noch das Baumaterial für diese Netze (die News eben), wir verlieren aber zunehmend den Einfluss auf die Architektur. Vor allem, wenn wir uns weigern, an diesem Spiel der Relevanz-Würdigung teilzunehmen. Glücklicherweise setzt sich diese Erkenntnis zunehmend durch, sodass Christian Lindner, der mit seiner „Key Note“ in zweimal zehn Thesen zur aktuellen Lage und zu Handlungsschritten in die Zukunft das Expertenkolloquium eröffnet hatte, keinen Widerspruch hörte, als er erklärte, dass wir Journalisten an die virtuellen Theken müssen. Unsere Leser/User sind es nämlich schon lange. Ob diese Theke im Gasthaus Facebook oder in der Kneipe Twitter steht, ist jetzt erstmal egal. „Dialog wird Basis für den Inhalt sein“, sagte Lindner. Dialogfähigkeit, auch solche in sozialen Netzwerken, wird eine neue Generaltugend für Journalisten werden. „Wir leben im Chaos“, beschrieb Wolfgang Blau, Chefredakteur von „Zeit online“ die aktuelle Phase der Verunsicherung. Und er machte Mut, als er sagte, dass er es genießt, in dieser Zeit Journalist zu sein. Weil er den Wandel mitgestalten kann.

 

2.       Wir müssen vieles ausprobieren – und scheitern dürfen

Das Blöde am Chaos ist, dass es so komplex ist. Dass man es nicht so leicht überblicken, ordnen und damit entwirren kann. Man kann nur ausprobieren. Und das müssen wir uns trauen. Vielleicht ist Google+ das nächste heiße Ding, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht haben wir Erfolg damit, unseren Nutzern personifizierte digitale Themen- und Textmappen zu verkaufen, wie es Peter Schink von „Doppelstern“ sachte andeutete, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht funktioniert eine iPad-App für eine gewisse Zeit gut am Markt, vielleicht funktioniert sie irgendwann überhaupt nicht mehr. Niemand hat derzeit Patentrezepte, und wer es dennoch behauptet, will einen übers Ohr hauen. Hilfreich erscheint mir, in dieser Zeit der Unsicherheit keine Strukturen auf immer und ewig zu zementieren, sondern lieber den Wandel zu etablieren. Das ist in einem Gewerbe, in dem sich seit Gutenberg im Grunde 500 Jahre lang nicht viel und dann alles geändert hat, eine Idee, die gewagter ist als sie zunächst klingt. Doch nur wenn Wandel und Wandlungsfähigkeit zu einer Eigenschaft auch von uns vermeintlich großväterlichen Holzmedien wird, können wir uns – mit Augenmaß, bitte – immer dann neu ausrichten, wenn es nötig wird. Im Medienkongress-Sprech klingt das so: „Unsere Strukturen sind eigentlich immer nur Beta.“ Konsequente Testphase also, und das ist nun mal anstrengend. Immerhin: „Es muss erlaubt sein, auch mal zu scheitern“, fordert Wolfgang Blau. Und er sagt auch: „Journalismus hat die beste Zeit noch vor sich.“ Fein!

 

3.       Wir müssen uns mit Technik auseinandersetzen

Und noch ein Redaktionssystem mehr! Noch ein Log-in! Noch eine Software! Noch eine Profilseite beim nächsten sozialen Netzwerk! Dass Journalisten, die eigentlich den Beruf einmal erwählt haben, weil sie zum Beispiel Geschichten erzählen oder die Welt erklären wollten, über die ausufernde Technisierung ihres Berufsbilds stöhnen, ist mehr als verständlich. Doch es wird tendenziell eher noch schlimmer. Deshalb hält es Peter Schink für sinnvoll, dass sich Journalisten zumindest grundlegend mit der Technik auskennen, die sie bedienen – an manchen Punkten sogar mehr als grundlegend. Denn Medientechnik ist der Entwicklungstreiber, Medientechnik verändert Nutzungsgewohnheiten. Und nur wer Medientechnik versteht, kann erahnen, was die Nutzer wollen. So weit, so ambitioniert. Deutlich wird aber auch, dass damit eine zunehmende Spezialisierung einhergehen muss. Dazu passt, dass Christian Lindner (RZ) eine stärkere Arbeitsteilung in Redaktionen fordert – und die müsse schon mit der Auswahl des Nachwuchses, also zum Beispiel der Volontäre, beginnen.  Zur Arbeitsteilung gehört auch, dass nicht ein und dieselbe Person Experte fürs Generieren von Themen und gleichzeitig fürs Publizieren auf zig neuen Vertriebswegen ist. Journalisten, Reporter vor allem, müssen vom „operativen Terror“ befreit werden, wie es Alexandra Stark von der MAZ treffend benannte.

 

4.       Wir müssen Marken werden

Personen sind glaubwürdiger als Institutionen. Und deshalb müssen Autoren als Personen wahrnehmbar sein im medialen Grundrauschen. Christian Lindner fordert, dass sich Journalisten zu Marken entwickeln müssen, dass sie wahrnehmbare Autoren sind. „Werden Sie ein Medium, kein Datenträger“, sagt Christian Hoffmeister. Journalisten müssen Social Media auch privat benutzen – private und professionelle Person werden zunehmen miteinander verschmelzen, prophezeit Wolfgang Blau.

 

5.       Wir dürfen keine Idioten sein

Der Satz sorgte für einen Lacher und wurde oft zitiert. Gefragt nach den Regeln für Social Media bei „Zeit Online“ antwortete Wolfgang Blau, dass es nur eine gebe: „Don’t be an idiot.“ Doch es steckt mehr dahinter. Haltung nämlich. Im lauter werdenden Rauschen des Newsstroms werden die Signale gehört, die etwas meinen und wollen, am besten das Richtige. Im Grunde kann fast der gesamte Kongress als Plädoyer für Relevanz verstanden werden – denn das Grundbedürfnis der Menschen nach relevanten, spannenden, aufregenden, wichtigen Nachrichten wird nicht dadurch abgeschafft, dass es das Internet gibt. Die These lautet, dass die Medien den Transfer in die digitale Welt am besten und mit den wenigsten Verlusten schaffen, die sich über die Relevanz ihrer Inhalte profilieren. Prof. Haller plädiert sogar dafür, die Reizüberflutung abzubauen, die Signalstärke zurückzunehmen, nicht „zu laut zu sein“. Zur Relevanz gesellt sich dann noch die Qualität, auch die sprachliche. Der Konsum von Qualitätsmedien, gleich auf welcher technischen Plattform, ist eben ein Bildungsausweis und wird es auch bleiben (Haller). Darin liegt eine Chance für Journalisten, die keine Idioten sein wollen.

 

6.       Wir brauchen Leidenschaft

Das sagt jeder. Und alle nicken. Warum auch nicht? Leidenschaft ist ein starkes Wort, und zu bekunden, dass man Leidenschaft für diesen merkwürdigen, anstrengenden Beruf empfindet, macht manche Zumutung erträglicher. Interessant aber, dass Wolfgang Blau, der bei „Zeit Online“ in der glücklichen Position ist, immer wieder neue Stellen zu besetzen, die Frage „Warum wollen Sie Journalist sein?“ zum Kern eines jeden Bewerbungsgesprächs macht – und oft keine Antwort bekommt. Vielleicht tut es manchmal, mitten im Chaos stehend, gut, sich einfach nochmal zu vergegenwärtigen, dass unser Beruf ein besonderer ist, dass er im Grundgesetz verankert ist, wie Paul-Josef Raue (Thüringer Allgemeine) nicht müde wurde zu betonen. Und dass wir Leidenschaft für den Kern unserer Arbeit – fürs Themenfinden, Recherchieren, Reportieren und Schreiben – auf jede Multi-Channel-Plattform transportieren können, die sein muss.

 

7.       Wir brauchen einen langen Schnauf

Noch so eine Formulierung, die aus dem Sound des Kongresses herausstach, benutzt von Christian Liechti von der Berner Zeitung, der mit charmantem Schweizer Akzent vom Aufbau eines Gemeindeforums berichtete. Es ist übertragbar auf alle Change- und Strukturprojekte, die in Medienunternehmen umzusetzen sein werden: Wir brauchen einen langen Atem.

 

8.       Wir müssen Aus- und Weiterbildung neu organisieren

In der Workshopphase am zweiten Tag näherte sich die Kongressgemeinschaft auf unterschiedlichen Pfaden dem Komplex Aus- und Weiterbildung – und formulierte natürlich eine neue Fülle von Thesen. Die wichtigste ist vielleicht, dass Ausbildung in diesem immer schwieriger werdenden Beruf nicht mit dem Volontariat enden darf. Redaktionen müssen sich sinnvolle Modelle zur Personalentwicklung ausdenken und diese immer wieder überdenken, müssen ihre Mitarbeiter informieren und sich weiterentwickeln lassen. Über die Neukonzeption eines zeitgemäßen Volontariats könnte sich gleich ein ganzer weiterer Kongress anschließen – bedenkend, dass Ausbildung mit der Auswahl der auszubildenden Menschen beginnt. Redaktionen brauchen nicht nur die „Generation Facebook“ (Lindner), sie brauchen noch ganz andere Typen – Programmierer, die journalistisch denken können (Schink), zum Beispiel. Diese neuen Typen zu finden wird immer schwieriger, wie der Leiter der Burda-Journalistenschule, Jens Schröter, berichtete. Die Wege zur Rekrutierung werden vielfältiger, und sie lohnen sich. Schröter findet, dass Personalentwicklung zum kulturellen Wandel in Organisationen beiträgt. Und dass sie nur eine Zukunft hat, wenn sie auch messbar wird – was im Journalismus schwieriger ist als in anderen Berufen.

 

9.       Wir werden nicht überflüssig

Also: Auch wenn irgendwann Papier überflüssig wird – Journalisten werden es nicht. Dann zumindest nicht, wenn sie in der Lage sind, sich auch jenseits von Papier Gehör zu verschaffen, wenn sie am Dialog, an Debatten teilnehmen wollen und können. Wenn sie eine Haltung haben, und wenn sie wissen und verstehen, welche Themen ihre Leser/User wichtig und richtig finden.

 

Das waren meine neun Thesen nach zwei Tagen, in denen natürlich noch viel mehr diskutiert wurde. Haben Sie noch eine zehnte? Kommentare erwünscht!

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